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„Treibhaus Wagner“

Runde Geburts- und Todestage von Lebendigen und Toten führen und verführen zum Feiern, zum Nachdenken über die Bedeutung der Betroffenen und nicht zuletzt beleben sie im Falle der Verblichenen das Geschäft. Richard Wagner wurde vor 200 Jahren in Leipzig geboren und verstarb vor 130 Jahren in Venedig. Gründe genug, seiner zu gedenken und nachzudenken über die ungebrochene Wirkung seines Werkes. Und dies insbesondere in Zürich, das sich als ‚Wagner-Stadt‘ nie verstanden hat. Dabei hat Wagner neun Jahre seines unsteten Lebens in Zürich verbracht – allein in Bayreuth lebte er länger, allerdings nur wenige Monate. In Zürich hat sich Richard Wagner, wie man heute sagen würde, künstlerisch neu definiert. Charakterlich möglicherweise wenig – auch hier liess er sich aushalten von Freunden und Gönnern, lebte auf Pump, machte unentwegt Schulden und vermittelte seinen Gläubigern, zumeist erfolgreich, dass sie dies einem Genie schuldig seien.  

Freiwillig hatte Wagner seine Wirkungsstätte in Dresden nicht verlassen. Dort flackerte nach einem Verfassungsbruch des sächsischen Königs die Revolution auf – wie allenthalben und überall in Europa in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Wagner verteilte Handzettel, in denen zur Revolution aufgerufen wurde. Die Folge war, dass man ihn, den Königlichen Hofkapellmeister, steckbrieflich verfolgte. Die Flucht brachte ihn nach Zürich. Die Erfolge, die er mittlerweile mit Rienzi, Tannhäuser, dem Fliegenden Holländer und – in seiner fluchtbedingten Abwesenheit – auch mit Lohengrin bereits erzielt hatte, nützten wenig. Hier in Zürich musste er sich seiner selbst neu vergewissern. Er begann mit den theoretischen Schriften: Die Kunst und die Revolution, Das Kunstwerk der Zukunft und – grauenvoll – Das Judentum in der Musik. Doch dann entstanden die Meisterwerke, grösstenteils an der Limmat: die Textbücher zum Ring, grosse Teile der Ring-Komposition und schliesslich auch ein Höhepunkt des Musiktheaters überhaupt, vielleicht nicht nur des 19. Jahrhunderts: Im ‚Asyl‘, in unmittelbarer Nachbarschaft zur Villa Wesendonck, in der die Muse Mathilde ihn umhegte, begann Richard Wagner seine Arbeit an Tristan und Isolde. Hier hatte er seinen ersten Grünen Hügel gefunden. Dass die Zürcher seine Festspielidee nicht in gleicher Weise honorierten und finanzierten wie Jahre später der bayrische Märchenkönig Ludwig II. war für ihn unverständlich und blieb eine Wunde.  

Im Treibhaus ist der Titel eines der Gedichte, deren Verfasserin Mathilde Wesendonck war und die, von Wagner vertont, als Wesendonck-Lieder in die Musikgeschichte eingegangen sind. Zürich war, man mag es kaum glauben, für Wagner ein Treibhaus. Geschützt und beschützt trieb seine Kreativität ungeahnte Blüten. Neue Triebe sind ausgebrochen. Das Triebhafte konnte der ständig Getriebene, nur gelegentlich durch das bürgerliche Umfeld gestört, ausleben. Im Gegenteil, seine Zürcher Freunde – und die Wesendoncks waren nicht die Einzigen – förderten grossherzig finanziell jedwedes Wachstum im „Treibhaus Wagner“.  

Zürich – eine Wagner-Stadt? War sie nie und wird sie auch nicht werden. Aber für die Festspiele Zürich ist das Jahr 2013 Anlass genug, eine Werkstatt entstehen zu lassen, in der mit den unterschiedlichsten Mitteln und Darstellungsformen nachgedacht wird über die Bedingungen der Entstehung der Werke der Reifezeit Richard Wagners, über ihre Wirkung, aber auch über die biederen und spätbiedermeierlichen Lebensumstände des Tonsetzers. Musiktheater, Schauspiel, Konzerte, Ausstellungen, Diskussionen, Symposien werden sich diesem Thema widmen. Die Festspiele wollen mitnehmen auf eine Entdeckungsreise, auf der das künstlerische Wirken und das alltägliche Wandeln Richard Wagners in unserer Stadt erlebbar und nachvollziehbar werden.  

Mit besonderer Spannung erwarten wir Hans Neuenfels‘ Auseinandersetzung mit Richard Wagners Werden in Zürich. Für diese Produktion haben sich Schauspielhaus und Opernhaus Zürich erstmalig zusammen gefunden. Schon der Titel Wie ich Welt wurde deutet das Selbstbewusst-Ansprüchliche an, mit dem wir uns immer auseinanderzusetzen haben, wenn wir uns mit Wagner beschäftigen – ganz gleich, wie wir zu ihm stehen.  

Elmar Weingarten